Der Semperopernball bleibt überschattet von der Preisverleihung an Al-Sisi

©Sebastian Lupke/Amnesty International

Sächsische Amnesty-Aktivist*innen haben mit einer Mahnwache vor der Semperoper auf die katastrophale Menschenrechtslage in Ägypten aufmerksam gemacht. Der Semperopernball hatte vorher bekanntgegeben, mit seinem jährlich vergebenen St.-Georgs-Orden den Ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah Al-Sisi auszuzeichnen, und diese Ehrung erst nach tagelangem Protest der Zivilgesellschaft rückgängig gemacht.

Etwa 60.000 politische Gefangene sitzen in Ägypten in Haft, ohne das Recht auf ein faires Verfahren oder einen Rechtsbeistand. Unter fadenscheinigen Anschuldigungen werden Menschen schikaniert und verfolgt, die an friedlichen Demonstrationen teilnehmen oder legitime Kritik in den Sozialen Medien äußern. Sie verbringen mitunter ein Jahr in sogenannter „Verwaltungshaft“, ohne dass Beweise oder eine Anklage vorgelegt werden. In mehreren Fällen wurden Inhaftierte gefoltert und unter Folter erpresste „Geständnisse“ anschließend für eine Verurteilung genutzt, andere Menschen sind dem Verschwindenlassen zum Opfer gefallen und wurden von Sicherheitskräften erschossen. Zivil- und Militärgerichte haben seit 2014 knapp 1.900 Todesurteile verhängt und mindestens 174 Menschen hingerichtet. Präsident Abdel Fattah Al-Sisi hat seit seinem Amtsantritt im Jahr 2013 eine katastrophale Menschenrechtsbilanz vorzuweisen, die Amnesty International unter anderem im aktuellen Bericht Permanent State of Exception dokumentiert hat.

©Sebastian Lupke/Amnesty International

Der Vorsitzende des Dresdener Semperopernball-Vereins, Hans-Joachim-Frey, hatte dessen ungeachtet beschlossen, Präsident Al-Sisi mit seinem jährlich verliehen St.-Georgs-Orden zu ehren. Amnesty International Sachsen hatte daraufhin zu einer Mahnwache am Tag des Balls, dem 07. Februar 2020, vor der Semperoper aufgerufen, um auf die Verletzung der Menschenrechte durch Al-Sisi aufmerksam zu machen (Pressemitteilung vom 04. Februar). Zwar hatte Herr Frey zwischenzeitlich die Aberkennung des Ordens angekündigt, nachdem nach Absagen mehrerer Moderator*innen und anderer Gäste auch der Rockmusiker Peter Maffay sein Erscheinen davon abhängig gemacht hat. Jedoch war diese Entscheidung offenkundig nicht von wirklicher Einsicht in den begangenen Fehler geprägt, sondern vorrangig von der Sorge, dass der Ball am Ende ohne einen Großteil der erwarteten Acts und Gäste stattfindet.

©Sebastian Lupke/Amnesty International

Am Freitag protestierten deshalb rund 20 Aktivist*innen in Sichtweite zur Semperoper am Theaterplatz, auf welchem der Ball jährlich für tausende Zuschauer*innen nach draußen übertragen wird. Der MDR, die Sächsische Zeitung und zahlreiche andere Medien berichteten darüber. Von den Passant*innen, von denen sich einige auch spontan der Mahnwache anschlossen, wurde nahezu einhellig Unmut über die Preisverleihung geäußert. Und auch die Besucherzahl erlitt höchstwahrscheinlich aufgrund dessen einen erheblichen Einbruch: Nach Informationen von Radio Dresden nahmen lediglich rund 5.000 Personen an der Feierlichkeit auf dem Theaterplatz teil. In den vergangenen Jahren besuchten jeweils mehr als doppelt so viele Gäste die Veranstaltung.

Zeitgleich organisierte ein Bündnis aus Dresdner Kulturschaffenden, darunter die Banda Internationale, den „1. Dresdner Seifenopernball“, um die Geschehnisse um die Preisverleihung auf satirische Weise zu kritisieren. Für Amnesty International hielt Sebastian Lupke, Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Amnesty-Bezirk Sachsen, dort vor mehr als 200 Personen einen Redebeitrag, in welchem erneut die fatalen Signale, die von einem Preis an einen Ägyptischen Autokraten ausgehen, thematisiert wurden.

Der gesamte Redebeitrag kann HIER nachgelesen werden.

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Auch auf dem Semperopernball selbst blieb die Kritik an der Preisverleihung nicht außen vor. So trug das gesamte MDR-Symphonieorchester während seines Auftritts Amnesty-Pins und -Buttons, um auf diese Weise die Mahnwache auch nach drinnen zu tragen. Gleichzeitig ergänzte auch der MDR seine Live-Übertragung des Balls um Informationen über die Menschenrechtsbilanz Al-Sisis, während sich der Sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer als auch der Dresdner Oberbürgermeister Dirk Hilbert äußerten, dass es der Ordensverleihung für künftige Semperopernbälle nicht mehr bedürfe.

Amnesty International Sachsen dankt allen, die sich der Mahnwache sowie dem Seifenopernball angeschlossen haben oder sich auf andere Weise dafür eingesetzt haben, dass der öffentliche Druck und die Kritik an der Ehrung von Menschenrechtsverletzern aufrechterhalten blieben.